Kategorie: Allgemein

Social Media für Centennials

Okay, ich kenne mich mit dem heißesten jugendlichen Social-Media-Speech-Shit, der in den Clubs der Upper East Side und den Kitas in Wanne-Eickel gesprochen wird, nicht aus. Ich bin über 40 und wohne in einem gutbürgerlichen Stadtviertel mit hohem Rentneranteil. Daher weiß ich nicht, ob das schöne Wort fabelhaft gerade wie wild trended auf Snapchat oder YouNow – oder „steil geht“, wie Leute meiner Alterskohorte sagen würden, wenn sie jugendlich klingen wollen. (Auf Jodel gibt’s das Wörtchen laut eigener Recherche jedenfalls nicht.) Gehen wir also kurz davon aus, dass fabelhaft ein Adjektiv ist, das gerade nicht als Vintage-Begriff in der Jugendsprache fröhliche Urständ‘ feiert.

Jedenfalls findet sich dieses Adjektiv in einer Stellenanzeige für einen sicher lustigen Social-Media-Job. Zweimal.

Sie verantworten eigenständig Projekte, die eine fabelhafte Online-Präsenz sichern z.B. in den Bereichen Customer Support, Employer Branding oder Influencer Relations

sowie

Sie sind fabelhaft, fast magisch und bringen Leute regelmäßig zum Lachen

Das ist eine formidable Annonce mit esprit, chapeau! Sie spricht Hundertjährige an. Denn so haben die damals gesprochen, als sie jung waren – meint zumindest das Online-Wörterbuch Wiktionary:

Herkunft:
Ableitung von Fabel mit dem Derivatem (Ableitungsmorphem) -haft
[2] Jugendsprache zwischen etwa 1900 und 1930

Und damit klärt sich auch die Frage, an welche Altersgruppe sich die Stellenanzeige richtet, die mit „Senior“ betitelt ist – weniger an Millenials, ganz sicher an Centennials

Wie man’s nicht macht…

„Denken Sie nicht an einen roten Elefanten!“

„Denken Sie nicht an einen blauen Porsche!“

Klar: Alle haben wir eben die beiden Verbote ignoriert . Selten blitzte der Porsche verführerischer im Sonnenlicht und der Elefant war selten weniger knuddelig als eben in der verbotenen Vorstellung.

Sicherlich gibt es viele didaktiktheoretische Untersuchungen darüber, wie Lernen und Einprägen und Verstehen funktioniert – ich kenne einige nur vom Hörensagen. Und sicherlich ist eine Negation nicht die beste Art und Weise, etwas zu lernen. Kindern eine falsche Rechtschreibung oder Tänzern einen falschen Schritt zu zeigen, ist sicherlich nicht allzu hilfreich. Das falsche, aber Gelernte auch noch zu trainieren und in einem Test auf die richtige Anwendung des Falschen zu überprüfen, ist leicht gaga. Effizienter, effektiver und in jeder Hinsicht sinnvoller ist es sicherlich, zu zeigen und zu lehren, wie es geht. Und eben nicht, wie es nicht geht.

Un daher mache ich das auf diesem Blog jetzt hin und wieder auch so: Ich zeige, wie es nicht geht. Einfach, weil das „Negativ“ manchmal auch einen besonders eindrücklichen Aha-Effekt zeitigt. Ein Aha-Effekt, der beim „Positiv“ oft ausbleibt, der Lerneffekt also gering ist oder ganz ausbleibt.

 

Einen hervorragend-eindrücklichen So-macht-mans-nicht-Prototyp hat das geschätzte ehrliche Nachrichtenportal „Der Postillon“ gebaut. Eine Erklärung, was Click-baiting ist.

Und daher zeige ich Euch das Erklärstück hier. Mit vielen unnötigen Worten drumrum. Denn auch das macht man bekanntlich nicht…

 

Exklusiv für Christian Müller

Nennen wir ihn Christian Müller. Ein Durchschnittsmensch mit Durchschnittsname, der zufälligerweise auch noch ein deutsches Durchschnitts-Facebookprofil pflegt. Dieser Christian Müller – so steht es Schwarz auf Weiß und daher glaubhaft auf seiner Facebook-Seite – wohnt in Berlin (wo sonst?), ist verheiratet sei 2011 (mit wem, erfahren wir nicht), hat mit mir vier Facebook-Freunde (Stand 25.11.2015, 17 Uhr) und mag offenbar Fußball und David Getta.

Okay, obwohl ich sehr wenig über ihn weiß, habe ich doch schon eine gewisse Vorstellung von ihm. Nutella mag er und „The Big Bang Theory“ – so wie ich. Den FC Bayern und Thomas Müller mag er – so wie die Kinder meines Bruders. Der Christian ist ganz okay. Bisschen durchschnittlich – das mag ich.

Christian ist ein Klasse-Typ, wenngleich etwas stereotyp. Der Kommunikationsberater Gerald Hensel nennt ihn Archetyp – ein grundlegendes Modell. Das Mannequin der Kommunikation, wäre Christian eine Christina. Und tatsächlich: Christian ist eine Erfindung.

Der Kommunikationsberater Patrick Breitenbach widerspricht dem Bild vom Archetyp:

Das sind unterschiedliche Charaktereigenschaften von Menschen, also uralte Sinnbilder von Persönlichkeiten wie Der Krieger, Der Herrscher, Der Rebell, Der Mentor usw. Allein das Buch Archetypes in Branding liefert uns 60 verschiedene dieser Archetypen. Es ist äußerst fragwürdig, ob Christian Müller ein eigener Archteyp ist, geschweige denn einem zuzuordnen ist.

Ob Archetyp, Modell oder Persona: Das Ringen um den richtigen Begriff ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Kommunikationsbranche seit einiger Zeit sehr gut mit solchen Modellpersonen arbeiten kann. Personas geben den Kommunikationsbemühungen nämlich ein Gesicht, ein Profil, Haut und Haar. Sie sollen sich echt anfühlen – und obwohl sie Erfindungen sind, sollen sie so real wie möglich erscheinen. Um sie zu modellieren, benötigt man daher echte Informationen über die Dialoggruppe, in der sie sich vermutlich befinden. Je mehr man weiß, umso lebensnäher wird das Modell – und umso sinnvoller können diesem Mannequin die nötigen Kommunikationsmaßnahmen auf den fiktiven Leib geschneidert werden.

Wie das gehen kann, weiß beispielsweise die Seite www.usability.gov:

Personas generally include the following key pieces of information:

  • Persona Group (i.e. web manager)
  • Fictional name
  • Job titles and major responsibilities
  • Demographics such as age, education, ethnicity, and family status
  • The goals and tasks they are trying to complete using the site
  • Their physical, social, and technological environment
  • A quote that sums up what matters most to the persona as it relates to your site
  • Casual pictures representing that user group

Einfacher geht es natürlich mit dieser grafischen Anleitung. Sie zeigt auch die Vorteile der Persona auf: Wen will ich erreichen? Die 24-jährige Romanistik-Studentin aus Köln oder den 55-jährigen Busfahrer aus dem Bayerischen  Wald? Wenn ich mich für den Busfahrer entscheide, kann ich mir die vielen unnötigen Klimmzüge sparen, mit der ich die Studentin ohnehin erfolglos anbaggern umwerben würde. Die Persona macht meine Kommunikationsbemühungen effizienter und effektiver.
Der Kommunikationsberater Thilo Specht definiert die Aufgabe, die eine Persona zu erfüllen hat, daher so:

Ihre Aufgabe ist immer die gleiche: plastisch erlebbar zu machen, wie eine Zielgruppe denkt, fühlt und handelt. Um die daraus entwickelten Annahmen dann in eine effektive Marketingmaßnahme zu überführen. Predicitve Behavioral Marketing beruht auf der Analyse von Interaktion und Sozialisation, und die lassen sich umfassend auf Facebook betreiben.

Und in der Tat: Mit Personas geht Vieles leichter. Sie sind keine eierlegende Wollmilchsauen, aber sie funktionieren. Weil sie die Zielgruppe klar definieren. Und wenn ich weiß, dass Christian Müller mehr auf Fußball als auf klassisches Ballett steht, kann ich in meine Marketingmaßnahme eben etwas rauhbeiniger, näher an der Grasnarbe fahren als im alternativen Fall. Das Runde muss ins Eckige – und Christian ist eventuell mit dabei. Erwähne ich den Namen Thomas Müller, hört sein Namensvetter Christian vermutlich hin. Rede ich von Pina Bausch oder William Forsythe, ernte ich eventuell höchstens einen fragenden Blick…

Tipps für erfolgreiche PR

Diese Infografik der Data Natives gilt nicht nur für Start-ups, die Journalisten auf Messen ansprechen möchten – sie gilt universell.

Ich wiederhole diese fünf Tipps gerne nochmal in eigenen Worten:

  1. Nicht drauflos plappern, sondern planerisch vorgehen: Welche Journalisten werde ich treffen, und welche will ich treffen? Was kann ich jedem Einzelnen individuell erzählen? Welche individuelle Botschaft, welche Story für welchen Journalisten?
  2. Erkläre es einfach, erkläre es kurz: Erzähle von Deinem Projekt, deinem Produkt oder Deinem Unternehmen so, wie Du es auch Deiner Mutter erklären würdest. Frisch von der Leber weg. Halte Dich dabei an die W-Fragen: Was bringt mir das Produkt? Warum ist es besonders? Wie wende ich es an? Wo und wann bekomme ich es? Wer hatte die geniale Idee?
  3. Gebt dem Produkt eine Geschichte: Kleine, aber illustrierende Anekdoten, die besonderen Ideen, die hinter dem Produkt stecken, berichtenswerte Prozesse, vielleicht auch ein, zwei Schwierigkeiten und wie Du sie gemeistert oder genial umschifft hast… Erzähle diese Geschichte nicht in voller Länge, sondern in voller Schönheit!
  4. Sei visionär! Strohfeuer gibt es genug, Hypes auch. Interessant ist, was langfristig wirkt und ein attraktives Ziel hat. Wo stehst Du in drei Jahren, und warum? Was tust Du, um dieses Ziel zu erreichen? Brennst Du für dieses Ziel, bist Du enthusiastisch dabei?
  5. Sympathisch, geerdet, ruhig und souverän sein. Journalisten sind zwar an tollen Geschichten interessiert, mögen es aber nicht, wenn man ihnen diese Geschichten aufnötigt. Sie möchten die Story selbst entdecken, möchten selbst die Fragen stellen – daher könnt Ihr Euch anfangs ruhig ein wenig zugeknöpft geben und das Interesse des Journalisten etwas anfüttern. Seid souverän und gelassen – auch hier gilt: Sprecht mit Journalisten in etwa so relaxed wie mit eurer Mutter…

Kurt Tucholsky: Ratschläge für einen schlechten Redner

Ich verstoße hiermit einmal sehenden Auges gegen das Urheberrecht und veröffentliche Kurt Tucholskys geniale Anleitung hier in voller Länge. Der Text ist beispielsweise zu finden in Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke Bd. III, Reinbek bei Hamburg. Rechts der Amazon-Affiliate-Link dazu.


Fange nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: „Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz aufzeigen… „. Hier hast Du schon ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht:

  • eine steife Anrede;
  • der Anfang vor dem Anfang;
  • die Ankündigung, dass und was Du zu sprechen beabsichtigst und
  • das Wörtchen kurz.

So gewinnst Du im Nu die Herzen und die Ohren der Zuhörer.

Denn das hat der Zuhörer gern: dass er Deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; dass Du mit dem drohst, was Du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast. Immer schön umständlich.

Sprich nicht frei – das macht einen so unruhigen Eindruck. Am besten ist es: Du liest Deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz misstrauisch hoch blickt, ob noch alle da sind.

Wenn Du gar nicht hören kannst, was man Dir so freundlich rät, und Du willst durchaus und durchum frei sprechen… Du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm Dir doch ein Beispiel an unseren professionellen Rednern, an den Reichstagsabgeordneten – hast Du die schon mal frei sprechen hören? Die schreiben sich sicherlich zuhause auf, wann Sie „Hört! hört!“ rufen… ja also, wenn Du denn frei sprechen musst:

Sprich wie Du schreibst. Und ich weiß, wie Du schreibst.

Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen Du, der Du dich zu Hause, wo Du ja die Ruhe, deren Du so sehr benötigst, Deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so dass der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gerne geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet… nun, ich habe Dir eben ein Beispiel gegeben. So musst Du sprechen.

Fang immer mit den alten Römern an und gib stets, wovon Du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch – das tun alle Brillenmenschen. Ich habe einmal in der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören, der sprach glatt und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen Sie mich Ihnen in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt…“. Er blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so lachten.

So musst Du das auch machen. Du hast ganz recht: man versteht es ja sonst nicht, wer kann denn das alles verstehen, ohne die geschichtlichen Hintergründe … sehr richtig! Die Leute sind doch nicht in Deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können… sehr richtig! Gib ihnen immer Historie, immer!

Kümmere Dich nicht darum, ob die Wellen, die von Dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitzchen. Sprich unbekümmert um die Wirkung, um die Leute, um die Luft im Saale; immer sprich, mein Guter, Gott wird es Dir lohnen.

Du musst alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch“. Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, dass mir die Steuern bei weitem…“ So heißt das!

Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor – man sieht das gern. Wenn Du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß wo die Pointe ist.

Eine Rede ist, wie könnte es anders sein, ein Monolog. Weil doch nur einer spricht Du brauchst auch nach vierzehn Jahren öffentlicher Rede noch nicht zu wissen, dass eine Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: eine stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und das musst Du hören. Nein, das brauchst Du nicht zu hören. Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur.

Zu dem, was ich eben über die Technik der Rede gesagt habe, möchte ich noch kurz bemerken, dass viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht das viel Spaß.

Kündige den Schluss Deiner Rede lange vorher an, damit die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen. (Paul Lindau hat einmal einen diesen gefürchteten Hochzeitstoast so angefangen: „Ich komme zum Schluss.“).

Kündige den Schluss an, und dann beginne Deine Rede von vorne und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen.

Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen. Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören – das ist Deine Gelegenheit! Missbrauche sie.

Das Cluetrain Manifest

Okay, so richtig viel haben Zongo Limone und das Cluetrain Manifest nicht miteinander zu tun. Der verbindende Faktor ist der Erfinder der niemals sprudelnden Brause, der eben schon mehrfach erwähnte Ex-Kurpfälzer Thilo Specht. Er betreibt das Blog Cluetrain-PR, das direkten Bezug auf diese Veröffentlichung von 1999 nimmt.

Was hat es mit diesem ominösen Manifest auf sich? Vier Amerikaner, von denen der Philosoph David Weinberger wohl der bekannteste ist, haben kurz vor der Jahrtausendwende und mitten im Dotcom-Boom reformatorisch wirkende 95 Thesen veröffentlicht. Die durch das Internet neuartige Vernetzung der Menschen untereinander verändere ihre Kommunikation und verändere die Machtstrukturen. Unternehmen sind nicht mehr länger über- und Konsumenten nicht mehr länger ohnmächtig; vor allem, und damit beginnt das Manifest, seien Märkte von heute nichts anders mehr als Gespräche. Um verbotener-, aber passenderweise einmal Wikipedia zu zitieren:

Das Manifest skizziert das Ende der einseitigen Kommunikation. Die Märkte der Zukunft basieren auf den Beziehungen der Menschen untereinander und auf den Beziehungen der Unternehmen zu den Menschen bzw. den Märkten.

Die Märkte, so die zweite der 95 Thesen, bestehen aus Menschen. Und eben nicht aus „demographischen Segmenten“ oder anderen blutleeren technokratischen Entitäten. Mitten in einer immer technischer werdenden Welt postulieren die vier Amerikaner eine „Wiedergeburt“ des Menschen als wichtigstes handelndes Subjekt – in einer Ökonomie, in der Menschen nur noch zu quantifizierbaren Konsumenten reduziert wurden. Das Internet, so These 6, „ermöglicht Gespräche zwischen Menschen, die im Zeitalter der Massenmedien unmöglich waren“, und These 11 begründet die Kraft und Stärke der vertrauensbasierten Mund-zu -Mundpropaganda:

Die Menschen in den vernetzten Märkten haben herausgefunden, daß sie voneinander wesentlich bessere Informationen und mehr Unterstützung erhalten, als von den Händlern und Verkäufern. Soviel zur unternehmerischen Rhetorik über den Mehrwert ihrer Waren.

Das Cluetrain Mainfest ist das „Grundgesetz“ der dialogischen Kommunikation und der auf Vertrauen in die Weisheit anderer Menschen setzenden zeitgemäßen Form gleichberechtigter (Geschäfts-)Beziehungen auf der – leider viel zu häufig bemühten und dann doch nicht eingehaltenen – „Augenhöhe“.

Die Details des Cluetrain Mainfests sind sicherlich für ein Oberseminar interessant; viel wichtiger aber ist ihr Impact auf zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit und zeitgemäßes Marketing, das jeden einzelnen Menschen erst in den Blick, dann zweitens ernst nimmt und mit jedem einzelnen Kunden oder Interessenten, Mitarbeiter oder Partner im wahrsten Wortsinne „ins Gespräch kommen möchte“. Eine völlig veränderte Form der Ansprache: Wer eine Botschaft hat, schreit nicht mehr undifferenziert in eine unbekannt-amorphe „Konsumentenmasse“ hinein. Wer eine Botschaft „an den Mann“ bringen möchte, muss sie buchstäblich mit aller Konsequenz zu diesem Mann hinbringen, muss ihn umgarnen und überzeugen, muss ihn begeistern.

Aus dieser dialogischen Form der Kommunikation entsteht eine neue, vor allem aber extrem schlagkräftige Form von „Werbung“: „Word of mouth“, die Mund-zu-Mundpropaganda. Sie ist deshalb so wirkmächtig, weil sie auf „Vertrauen“ setzt; Vertrauen, das Unternehmen längst verloren haben (und durch Corporate Social Responsibility und Compliance-Maßnahmen langsam wieder mühsam zurückzugewinnen versuchen), das aber vertraute Menschen besitzen. Ein Nachbar beispielsweise. Wenn er mir mit leuchtenden Augen von seinem neuen Aufsitzrasenmäher erzählt, der ein Wunder der Technik sei und das zu einem unverschämt günstigen Preis – dann vertraue ich ihm. Und kaufe eventuell ebenfalls einen Ausitzrasenmäher derselben Marke. Und erzähle im Büro meinen Kollegen ebenfalls mit leuchtenden Augen von den beiden neuen Rasenmähern in unserer Straße…

Und so macht die Botschaft die Runde – ohne klassische Werbung, aber mit echtem Herzblut.

Redaktionen sind wie Türsteher

Die Kollegen vom Pressesprecher-Magazin haben hier sehr schön zusammengefasst, welche fünf PR-No-Goes Redakteure wirklich nerven.

Ich möchte diese fünf Punkte in meinen eigenen Worten nochmal rekapitulieren:

  1. Ein Unternehmen möchte ja, dass Journalistinnen und Journalisten den vom Unternehmen selbst bereitgestellten Content weidlich nutzen – das ist ja der Sinn einer „Pressearbeit“. Also müssen die bereitgestellten Inhalte wie Texte, Dokumente, Fotos und Grafiken (diese vor allem!!) auch jeder Journalistin und jedem Journalisten „barrierefrei“ zugänglich sein. Daher die eiserne Regel: Keine Registrierung! Klar möchte das Unternehmen damit die Kontaktdaten des Journalisten für den eigenen Verteiler abgreifen und es bei der Suche nach veröffentlichten Berichten für die folgende Medienresonanzanalyse oder den Pressespiegel einfacher haben. Aber: Im Zweifel geht dieses Ansinnen nach hinten los, und die Journalisten nutzen aus Frust oder Ungeduld unseren schönen, extra vermeintlich zielgruppengerecht aufbereiteten Content gar nicht. Ein klassisches Eigentor.
  2. Vergessen Sie schön und exklusiv gestaltete Pressemeldungen, nein: Pressemeldungskunstwerke, in eigener Hausschrift und mit aufwändigen Logos sowie zu allem Überfluss noch als PDF-Datei mit Zeilensprung verschickt. Das sieht zwar im eigenen Pressespiegel klasse aus, ist aber für die tägliche Redaktionsarbeit oft untauglich. Redaktionen möchten keine Pressemeldungskunstwerke, sie möchten Inhalte. Texte, die man leicht weiterverarbeiten kann (ja, Copy & Paste ist ein akzeptiertes Verfahren!) und Dokumente wie Bilder oder Grafiken separat in hoher Auflösung. Bitte: Bauen Sie diese Dokumente nicht in Word-Dateien ein, und nutzen Sie bitte, bitte, bitte kein Fancy-DTP-Programm wie QuarkXPress oder Adobe InDesign, um die Kunstwerke zu layouten. Eine E-Mail in PlainText mit Attachments oder, besser noch: Links zu den Dokumenten ist weitaus praktikabler. Und was praktikabel ist, wird auch verwendet… (Und wenn Sie mir nicht glauben, dann glauben Sie bitte der FAZ).
  3. Nachfassen ist verboten! Das sieht zwar die gesamte versammelte PR-Clique anders, weil es viele gute Argumente für ein Nachfass-Telefonat gibt. Aber Redaktionen hassen es, fertig. Stefan Bruns und Mathias Wolff vom Pressesprecher-Magazin formulieren dies so drastisch, dass Widerspruch beinahe zwecklos erscheint:

    Bei allen Redakteuren, die wir kennen, stößt dieses Nachfassen jedoch auf blanken Hass. Ungefähr so, als wenn man sie begrapschen würde.

    Redaktionen haben keine Pflicht zur Veröffentlichung und sind Pressestellen keine Rechenschaft schuldig. Nachfass-Aktionen fühlen sich für Journalistinnen und Journalisten aber an, als müssten sie diese Rechenschaft ablegen: „Wann erscheint mein Text?“ „Warum erscheint er nicht genau so, wie wir ihn mit allen fünfzig Abteilungsleitern in jahrelanger Kleinarbeit mühselig abgestimmt haben?“ „Warum ignorieren Sie unsere großartige Produktpräsentation, für die wir so dringend auf Presseberichterstattung angewiesen sind, weil das Produkt selbst – nun ja – nicht so richtig aus sich selbst heraus überzeugt?“

  4. Bruns und Wolff bringen es so schön auf den Punkt:

    Eine Pressemitteilung ist ein Informationsangebot zur freien Verfügung. Die Redaktion kann damit praktisch machen, was sie will – sie ignorieren, kürzen, eine Rosine herauspicken, Passagen davon in einem ganz anderen Artikel verwursten und, und, und. Das ist eben Teil der Pressefreiheit.

    So und nicht anders ist es. Es ist ein Informationsangebot, ein Tipp, ein Hinweis für die Redaktion, dass eventuell etwas Interessantes ansteht, über das es sich vielleicht zu berichten lohnen könnte. Mehr nicht. „Kalt vorgeschriebene Pressemitteilungen“ etwa, die in hellseherischer Weise schon vor dem eigentlichen Termin wissen, wie er Tage später abgelaufen sein wird, sind reine Hilfen für die Redaktion.
    Eine Sperrfrist halten Bruns und Wolff gar für „albern“ – und in vielen Fällen sind sie das auch. Sperrfristen sind im Zeitalter der Many-2-Many-Kommunikation, des „always on“, der Ära von Twitter und Periscope wirklich ein Relikt aus einer untergegangenen Zeit. Damals, als es nur zwei Fernsehsender und kein Privatradio gab und die Zeitung frühestens am nächsten Morgen erschienen ist, waren Sperrfristen faktisch unnötig, aber ein gentlemen’s agreement unter (wenigen) Kollegen.
    Heute ist veröffentlicht, was rausgeschickt wird, fertig. „Draußen ist draußen“. Ganz albern wird es freilich, wenn Pressemitteilungen mit späterer Sperrfrist bereits vorher auf der eigenen Webseite erscheinen, weil die Veröffentlichung den Versand triggert…

  5. Und zuletzt geht es um Fotos. Die sollen möglichst gut, möglichst groß, möglichst in einem Wald-und-Wiesenformat wie TIFF oder JPEG sein und möglichst einfach heruntergeladen werden können – möglichst auch in ein paar Jahren noch. (Und jetzt streichen Sie bitte alle „möglichst“, dann ist der Text inhaltlich perfekt!). Und authentisch müssen diese Fotos sein: Hochglanzfotos von Hochglanzmodels aus den bekannten Bild-Datenbanken helfen niemanden, und ganz sicher nicht Ihrem Anliegen, eine Veröffentlichung zu bekommen. Denn: Die Datenbanken kennt jeder, und die Bildsprache und Motive auch. Das ist nichts Neues, nichts Exklusives, schon gar nichts Außergewöhnliches. Ihre Botschaft, Ihr Produkt, Ihr Anlass für die Berichterstattung soll aber doch als exklusiv und außergewöhnlich auffallen, oder? Investieren Sie in ein gutes Foto oder besser noch: in eine gute Visualisierung. Alle Medien sind auf gute, besondere, herausgehobene Bildelemente angewiesen (selbst der Rundfunk braucht gute Fotos für seine Website) – das ist die Chance für Ihre Pressearbeit! (An wenigen hundert Euro Honorar für eine sehr gute Fotografie oder eine besonders einprägsame Grafik sollte es ja nicht scheitern, oder?)

Redaktionen sind Partner, die Ihnen „Zugang“ zu ihrem Medium und damit zu den Leserinnen und Lesern geben (das ist selbstredend trivial, darf aber niemals vergessen werden). Journalisten verstehen sich (oder verstanden sich zumindest in der Vergangenheit) als Wächter dieses Zugangs, als „Gatekeeper“. Man könnte auch etwas robuster sagen, sie verstehen sich als Türsteher. Wer rein will, muss sich ihren Regeln fügen, so ist das nunmal. Daher: Stressen Sie die Redaktionen nicht, sondern bieten ihnen interessanten, exklusiven, neuartigen und attraktiven Content an; dann könnte es ein erfolgreicher Abend werden…