Kategorie: Formulieren

Social Media für Centennials

Okay, ich kenne mich mit dem heißesten jugendlichen Social-Media-Speech-Shit, der in den Clubs der Upper East Side und den Kitas in Wanne-Eickel gesprochen wird, nicht aus. Ich bin über 40 und wohne in einem gutbürgerlichen Stadtviertel mit hohem Rentneranteil. Daher weiß ich nicht, ob das schöne Wort fabelhaft gerade wie wild trended auf Snapchat oder YouNow – oder „steil geht“, wie Leute meiner Alterskohorte sagen würden, wenn sie jugendlich klingen wollen. (Auf Jodel gibt’s das Wörtchen laut eigener Recherche jedenfalls nicht.) Gehen wir also kurz davon aus, dass fabelhaft ein Adjektiv ist, das gerade nicht als Vintage-Begriff in der Jugendsprache fröhliche Urständ‘ feiert.

Jedenfalls findet sich dieses Adjektiv in einer Stellenanzeige für einen sicher lustigen Social-Media-Job. Zweimal.

Sie verantworten eigenständig Projekte, die eine fabelhafte Online-Präsenz sichern z.B. in den Bereichen Customer Support, Employer Branding oder Influencer Relations

sowie

Sie sind fabelhaft, fast magisch und bringen Leute regelmäßig zum Lachen

Das ist eine formidable Annonce mit esprit, chapeau! Sie spricht Hundertjährige an. Denn so haben die damals gesprochen, als sie jung waren – meint zumindest das Online-Wörterbuch Wiktionary:

Herkunft:
Ableitung von Fabel mit dem Derivatem (Ableitungsmorphem) -haft
[2] Jugendsprache zwischen etwa 1900 und 1930

Und damit klärt sich auch die Frage, an welche Altersgruppe sich die Stellenanzeige richtet, die mit „Senior“ betitelt ist – weniger an Millenials, ganz sicher an Centennials

How to write good

Diese 24 Regeln zum richtigen Formulieren wabern gerade durchs Netz, sind aber schon gut 20 Jahre alt. Und immer noch taufrisch! (Quelle: Frank L. Visco, Writers‘ digest, Juni 1986, alle BING-Suchergebnisse hier.).

https://sway.com/rNeHjpeE0kLHq54j

  1. Avoid Alliteration. Always.
    Am Anfang alles anders.
  2. Prepositions are not words to end sentences with.
    Dass ein Satz nicht mit „dass“ anfängt, versteht sich von selbst.
  3. Avoid clichés like the plague. (They’’re old hat.)
    Meiden Sie Phrasen wie die Pest. (Wenngleich der Tipp ein alter Hut ist.)
  4. Employ the vernacular.
    Schwätzen Sie Mundart.
  5. Eschew ampersands & abbreviations, etc.
    Vermeiden Sie das Kaufmännische Und & Abkürzungen, usw.
  6. Parenthetical remarks (however relevant) are unnecessary.
    Texte in Klammern (falls überhaupt relevant) sind unnötig.
  7. Contractions aren’’t necessary.
    ‚N Apostroph is‘ echt nich‘ nötig.
  8. Foreign words and phrases are not apropos.
    Xenismen und unterkomplexe fremdsprachliche Wendungen nicht prioritär verwenden.
  9. One should never generalize.
    Verallgemeinern Sie im Allgemeinen nie!
  10. Eliminate quotations. As Ralph Waldo Emerson once said, “I hate quotations. Tell me what you know.”
    Streichen Sie Zitate. Ralph Waldo Emerson hat einmal gesagt: „Ich hasse Zitate.“
  11. Comparisons are as bad as clichés.
    Vergleiche sind genauso schlecht wie Phrasen.
  12. Don’’t be redundant; don’’t use more words than necessary; it’s highly superfluous.
    Wiederholen Sie sich nicht, verwenden Sie nicht mehr Wörter als erforderlich. Redundanzen sind hochgradig überflüssig.
  13. Profanity sucks.
    Umgangssprache ist uncool.
  14. Be more or less specific.
    Seien Sie mehr oder weniger exakt.
  15. Understatement is always best.
    Am allerbesten sind Untertreibungen.
  16. Exaggeration is a billion times worse than understatement.
    Eine Übertreibung ist milliardenfach schlechter als ein Understatement.
  17. One word sentences? Eliminate.
    Ein-Wort-Sätze? Streichen.
  18. Analogies in writing are like feathers on a snake.
    Analogien beim Schreiben sind wie Federn bei Schlangen.
  19. The passive voice is to be avoided.
    Es dient zur Kenntnis, dass Passiv unterlassen werden soll.
  20. Go around the barn at high noon to avoid colloquialisms.
    Es ist doch klar wie Kloßbrühe, dass man Umgangssprache meidet.
  21. Even if a mixed metaphor sings, it should be derailed.
    Auch wenn Metaphern anschaulich sind, sollten sie aus dem Rennen geworfen werden.
  22. Who needs rhetorical questions?
    Wer braucht rhetorische Fragen?
  23. Abjure polysyllabic obfuscations.
    Vielsilbigen Vernebelungsphrasen künftig bitte entsagen.
  24. Finally, chech for pselling errors and typeos.
    Schlie&szkig;lich, prüfe auf Tippfelher.

Hyperventilierende Superlative

Superlative, also die Steigerung der Steigerung, sind in seriösem Journalismus verboten. Das Größte, Schönste, Tollste ist nur dann auch wirklich das Schöne, Wahre, Gute, wenn es ganz alleine oben an der Spitze steht. Wenn es also seinen eigenen Superlativ rechtfertigt.

Seriöse Texte in seriösen Zeitungen sind natürlicherweise keine Fundgruben atemberaubender Übertreibungen und wirken daher auf den ersten Blick ein wenig dröge. Dass die Bild-Zeitung in nicht nur dieser Frage einen etwas mutigeren journalistischen Kurs fährt, verwundert nicht weiter – aber eine Frage stellt sich: Wenn Journalismus meist von Außergewöhnlichem und Besonderem berichtet und Spitzenleistungen im Sport, in der Kunst und auf der DAX-Tafel sucht – warum verbietet sich dann die grammatikalische Form, die diese Spitzenleistungen sprachlich würdigen kann? Warum keine Superlative?

Man kennt das ja aus der Nachbarschaft: Understatement, sich ein wenig zurücknehmen, nicht mit seiner Spitzenleistung zu prahlen macht sympathisch. Aufzutrumpfen und überheblich zu sein reduziert das Sympathiekonto. Was im menschlichen Umgang stimmt, ist auch bei Texten richtig: Sparsame Vokabeln, zurückhaltende Grammatik, unpompöser Satzbau machen unprätentiöse Texte zu guten Texten, die man gerne liest, weil sie sympathisch und „leicht“ wirken. Eine schwere Superlativ-Soße über den frischen Salat gegossen erdrückt die feinen Blättchen. Ein Superlativ, der nicht explizit ausgesprochen werden muss, sondern sich durch eine präzise Beschreibung von selbst ergibt, ist selbstverständlich eindrücklicher als eine großspurige, aber fragwürdige Behauptung.

Und die Mathematik spielt eine Rolle: Wenn es nur noch Superlative gibt, gibt es keine mehr. Sie nivellieren sich gegenseitig. Ein Text muss immer auch noch Luft nach oben haben für den einen echten, unzweifelhaft angemessenen Superlativ. Er muss als Solitär in der Ebene stehen wie der Kilimandscharo – um umso eindrücklicher seine Herausgehobenheit demonstrieren zu können.

Und schließlich ist es unser Überdruss an dieser megagehypten hypergeilen Ultimativsprache: Wir können viele dieser übertrieben überdrehten Sprachvolten nicht mehr hören, weil sie uns zu den Ohren herauskommen. Weil sie einen immensen Adjektiv-Verschleiß haben. Und wie wir von Mark Twain ja seit Jahrhunderten wissen, ist die Großwildjagd auf Adjektive die wichtigste Aufgabe von Journalisten (nach der noch wichtigeren Jagd auf Superlative natürlich).

 

  • Man ist nicht einfach mehr traurig, man muss ja gleich todtraurig sein.
  • Man ist nicht einfach leicht angesäuert, man muss ja gleich stinksauer sein.
  • Glücklich zu sein reicht auch nicht mehr, man ist selbstverständlich überglücklich.
  • Stille entspannt erst richtig, wenn sie totenstill ist.
  • Und als Idiot geht man noch viel zu klug durchs Leben, erst als Vollidiot erzielt man volle Aufmerksamkeit…
  • to be continued

Zu viele Worte, zu viele Komposita machen Texte nicht nur „schwer“, sie machen sie auch schwer erträglich, weil sie immer noch eines draufsetzen wollen. „Small is beautiful“ – meistens reicht das Ausgangswort aus.

Lassen sie einfach mal was weg. Haben Sie Mut zur Durchschnittlichkeit, zum Normalmaß, und Ihre Sprache wird ruhiger. Und wie wir ja wissen: In der Ruhe liegt die Kraft.

„Nur Text“ ist das Format der Wahl

Dr. Michael Spehr, Redakteur bei der F.A.Z., stellt eben in einem Google+-Posting klar, was die FAZ-Redaktion mit eingehenden E-Mails macht: Sie lässt sie automatisch in „Nur Text“ umwandeln – Grafiken, Logos, Tracking-Codes fliegen dabei raus. Das ist zwar schade für die schön gestalteten Newsletter und noch blöder für aufwändige, 20-seitige PDF-Dateien. Aber, hey: Im Redaktionsalltag ist „Nur Text“ das einzig sinnvolle Format. Glaubt nicht mir, glaubt der F.A.Z.! 🙂

Vielleicht sollte man gewissen PR-Agenturen mal erklären, dass wir in der Redaktion die Eingangspost nach „Nur Text“ umwandeln. Dann würden sie auch diesen bedenklichen Murks mit dem eingebetteten Tracking-Code lassen, der erfassen soll, ob man den PR-Spam gelesen oder, wie 99,9 Prozent der Zusendungen, ungelesen gelöscht hat.

Mehr dazu, wie eine Pressemappe aussehen sollte, gibt’s unter dem Punkt „Pressekonferenz“.

Worthülsen entschälen

Ich wiederhole mich gerne: In der Prägnanz liegt die Würze. Wenn man sich klarmacht, was manche leere Formulierung, mancher mehrdeutige Begriff wirklich bedeutet, kann man sie besser umschreiben. Der Text wird dann „zupackender“, „bissiger“, weil präzise Begriffe nicht interpretiert werden müssen. Sie sagen unmmittelbar, was sie bedeuten. 

Am einfachsten kann man leere Worthülsen und Wendungen umschreiben:

  • im Rahmen von – meist reicht ein schlichtes bei, in oder während.
  • in der Zeit von – hier reicht ein simples von … bis.
  • aufgrund von – geht eleganter mit wegen.

Das gilt auch für die Wortwahl:

  • Räumlichkeiten etwa ist ein Wortungetüm, das nichts anderes meint als Räume.
  • Statt Sanierungsmaßnahmen reicht Sanierung,
  • statt Eingangsbereich reicht meistens: Tür.
  • Man lacht gerne über Verwaltungsbegriffe wie Großvieheinheit, das bekanntlich schlicht Kuh meint.
  • Auch Personenkraftwagen statt Auto,
  • Lichtzeichenanlage statt Ampel
  • oder – ganz schlimm! – Lichtbildervortrag statt Diaabend.

 Je einfacher und “normaler” ein Begriff, desto unprätentiöser, “luftiger” und leserlicher wird der Text.

In Redaktionen kursieren ohnehin „schwarze Listen“ mit Wörtern, Begriffen und Wendungen, die man vermeiden sollte. Jede Redaktion hat eine eigene Liste, weil nicht alles überall gleich verpönt ist. Beispielsweise vermeidet die FAZ Begriffe wie der 15-Jährige (stattdessen: der 15 Jahre alte) oder vor Ort. Vor Ort, so die Erklärung (und zwar nicht nur der FAZ), sei eine falsche „Übersetzung“ aus dem Kohlebergbau, wo es „vor Kohle“ heißt. Besser also: direkt am Ort des Geschehens sagen – auch, wenn der Satz dann dummerweise wieder länger wird.

Name, Alter, Funktion

„Vergessen Sie nie, daß für jeden Menschen sein Name das schönste und wichtigste Wort ist.“ (Dale Carnegie)
Daher zwei Grundregeln:

  • NIEMALS Namen falsch schreiben!
  • NO JOKES with names!

Personen/Menschen/Leute haben immer einen Vor- und einen Zunamen. Ob sie Mann oder Frau sind, erschließt sich in aller Regel sofort aus dem Vornamen oder mittelbar aus dem Zusammenhang – daher gibt es kein „Herr“ und kein „Frau“ (Ausnahmen sind exotische und asiatische Namen).

Auch Doktoren- und Professorentitel sind zu vernachlässigen. In Universitätsstädten, wo die Akademikerdichte naturgemäß recht hoch ist und die Titel daher keine Alleinstellungsmerkmale sind, drucken Zeitungen aber häufiger diese akademischen Titel mit ab. Die Beschwerden Promovierter bei den Redaktionen scheinen in solchen Städten ebenfalls häufiger zu sein…

Titel sind nur im universitären oder medizinischen Zusammenhang wichtig: Dass der Vereinsvorstand in seinem Brotberuf Professor ist, tut in der Regel nichts zur Sache. Man sagt zum zweiten Vorsitzenden ja auch nicht „Herr Bäckermeister“. Eine Professorin, die für ihre Arbeit den Nobelpreis erhält oder einen Vortrag hält, gibt der Veranstaltung aber wissenschaftliche Weihen. Dann ist der Titel angebracht.

Wichtig ist natürlich die Funktion der Person: Warum habe ich gerade sie interviewt, warum ist das, was sie zu sagen hat, relevant? Allerdings ist es meist nebensächlich, wie alt eine Person ist – das interessiert nur die BILD.

Zahlen & Maßeinheiten

Zahlen und Maßeinheiten sollten am besten immer ausgeschrieben werden, weil man sich bei einem Wort weniger leicht „vertippt“ als bei einer schnell hingeschriebenen Ziffer. Schnell wird aus einem „10 Uhr“ in einer Einladung ein „19 Uhr“ – und die Veranstaltung, die vormittags stattfindet, ist vorbei, wenn die Besucher kommen…

Daher: Zahlen von „eins“ bis „zwölf“ ausschreiben, ebenso zwanzig bis neunzig, hundert bis tausend, zehntausend, eine Million, eine Fantastilliarde. 

Das gilt besonders für Maßeinheiten. Quadratmeter statt m2, Mikrometer statt μm, Hektar, Hektoliter, Lichtjahr. Auch chemische Bezeichnungen „eindeutschen“, etwa Kohlendioxid, Ammoniak, Wasser statt H2O!

Man muss sich unter den Zahlen und Mengen etwas vorstellen können. Wer weiß schon genau zu sagen, wieviel Kannen Wasser man braucht, um zwei Kubikmeter zu füllen? Was bedeutet es, wenn ein Gebäude aus drei Millionen Kubikmetern Beton besteht – wieviel ist das? Vergleiche helfen da weiter: Die Baustelle ist so groß wie zwei Fußbvallfelder, die gespeicherten Daten passen auf soviele CDs, dass sie nebeneinandergelegt von Frankfurt bis München reichen würden, die Staatschulden würden in Eurostücken einen Zug füllen, der dreimal um die Erde reichen würde…

Meist sind sehr genaue Zahlen ohnehin nicht nötig, meist geht es um Größenordnungen: „Arbeitslosenzahl unter drei Millionen“, „Halbwertszeit bei 24.000 Jahren“, „Exporte knacken die Billionenmarke“.

Unschön sind Ziffern in Überschriften. Dort sollte man immer die Zahlen ausschreiben. Dezimalzahlen oder Brüche sind komplett verboten.

Typografie

Satzzeichen sind nicht beliebig, sondern unterliegen ebenfalls einer klaren Regelung.

  • Satzzeichen kommen immer direkt hinter den letzten Buchstaben! (und nicht so ! ). Klammern (übrigens) auch.
  • Mit Ausrufezeichen bitte sehr sparsam umgehen. NIEMALS mehr als eines!!!!
  • „Anführungszeichen“ sind keine „Hochkommata“. «Das sind französische», “das sind englische” und »das sind dänische Anführungszeichen«. Einen schönen Überblick über die verschiedenen Arten von Anführungszeichen in diversen Sprach- und Kulturkreisen gibt Wikipedia.
  • Einschübe öfter mal – mit Gedankenstrichen – absetzen.
  • Bindestriche und Minuszeichen – sind keine Gedankenstriche – sind keine Spiegelstriche —.