Wie wird eine Ansammlung von Buchstaben und Wörtern zu einem richtig guten Text? Gibt es ein Geheimrezept für gute Prosa? Und: Kann wirklich jeder einen verständlichen und attraktiven Text verfassen? Was braucht es dazu?

Ganz wenig nur. Eine Checkliste mit zweimal fünf Fragen reicht meiner Ansicht nach für einen ersten Schritt aus, der die Textqualität bereits deutlich optimiert. Fünf Fragen betrachten die Struktur und den Inhalt des Textes, und nochmal fünf Fragen optimieren die sprachlichen Formulierungen.

Also: den Bleistift gezückt und die Texte überprüft mit meiner „Checkliste für gute Texte“.

Erzählt der Text eine Geschichte?

Nein, das hat erstmal nur am Rande mit dem Trend des „Storytellings“ zu tun. Zuerst einmal geht es darum, ob der Text einen nachvollziehbaren roten Faden hat. Also: Könnte man den Inhalt „aus dem Kopf“ jemand anderem erzählen? Oder ist der Text verworren, unklar, technisch, voller unverständlicher Details? Dann erzählt er keine Geschichte. Gibt es aber eine klare Einleitung, die die Ausgangslage erklärt, einen Prozess der Veränderung sowie einen Höhepunkt und einen Schluss – dann ist die Abfolge von Wörtern bereits eine Geschichte. Wir Menschen lieben Geschichten, lesne und hören sie gerne. Also: Erzählen wir welche. 🙂

Spiegelt der Text lebensnahe Erfahrungen wider?

Je eher ein Text vorstellt, was ich selbst kenne, desto eher kann ich diesen Text verstehen. Je abstrakter ein Text, desto schwieriger ist es, ihm zu folgen und ihn zu durchdringen. Schreibt also lebensnah – anhand eines Beispiels aus der Nachbarschaft, anhand eines Vorganges, den wir alle kennen, anhand einer Person, mit der wir uns identifizieren können.

Ist der Text nahe an seiner Zielgruppe?

Ein Text für Kleinkinder, der nur so vor Schachtelsätzen und Fremdwörtern strotzt und Beispiele aus der Geschäftswelt aufzählt, geht klar an der Zielgruppe vorbei – das ist unmittelbar einleuchtend. Und trotzdem schreiben wir sehr oft drauflos, ohne uns Gedanken über unsere Leserinnen und Leser gemacht zu haben. Gerade Gebrauchstexte müssen aber ihrer Zielgruppe einen Mehrwert bieten. Wie also muss der Text inhaltlich und sprachlich gestaltet sein, dass seine Leserinnen und Leser ihn nicht nur lesen, sondern verstehen und verinnerlichen? Verwendet der Text Begriffe, die auch in der Zielgruppe verwendet werden? Bezieht er sich auf Ereignisse, die die Zielgruppe kennt? Spiegelt der Text kulturelle Alltäglichkeiten wieder, die die Rezipienten eindeutig dechiffrieren können?

Ist der Text nach der AIDA-Methode geschrieben?

Die AIDA-Methode stammt ursprünglich aus dem Marketing. Mit ihr können Texte so gestaltet werden, dass Leserinnen und Leser auf sie aufmerksam werden, interessiert weiterlesen und am Ende etwas tun: eine Nummer anrufen, aus einem Katalog oder von einer Website bestellen, einen Newsletter abonnieren, etc. Dabei steht das Akronym für
Attention | Die Aufmerksamkeit der Umworbenen wecken.
Interest/Insight | Die Umworbenen interessieren sich für das Produkt. Ihr Interesse wird angeregt, sie möchten mehr erfahren.
Desire | Der Text weckt in den Rezipientinnen und Rezipienten den Wunsch, das Produkt zu kaufen und zu besitzen.
Action | Die Umworbenen werden zu Kundinnen und Kunden – und kaufen das Produkt.

Schafft der Text Freude, Nutzen, Vorsprung und Vertrauen?

Jeder Text muss einen Sinn und Zweck erfüllen – denn zwecklose Texte sind sinnlos, niemand wird sie wahrnehmen. Daher gilt für alle unsere Texte: Welchen Mehrwert schaffen sie für die Rezipientinnen und Rezipienten? Also etwas schlichter formuliert: Was haben sie davon?
Dabei geht es hauptsächlich um Mehrwert in diesen vier Dimensionen:
Freude | Macht es Spaß, den Text zu lesen? Schafft er ein intellektuelles Vergnügen, ist er humorvoll, fühlen sich die Leserinnen und Leser wohl?
Nutzen | Löst der Text ein Problem? Gibt er Antworten auf Fragen, die die Leserinnen und Leser haben? Macht der Text die Rezipientinnen und Rezipienten klüger? Wissen sie hinterher besser Bescheid als vorher?
Vorsprung | Bringt der Text uns weiter – und zwar weiter als unsere Nachbarinnen und Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen oder andere Bekannte, die den Text (noch) nicht gelesen haben? Bringt er uns einen Wissensvorsprung? Oder auch einen Unterhaltungsvorsprung?
Vertrauen | Baut der Text Vertrauen auf? Können die Rezipientinnen und Rezipienten der Expertise vertrauen, halten sie das, was der Text behauptet, für plausibel? Lesen sie weiter, weil sie sich gut aufgehoben fühlen?

Ist die Sprache einfach und leicht verständlich?

Die wichtigste Frage für das Verständnis und die Lesbarkeit eines Textes. Je kürzer die Wörter und je kürzer die Sätze, desto verständlicher ist ein Text – mathematisch unbestechlich im Flesh-Index abgebildet. Einfache Daumenregel: Hauptsätze sollten nicht länger als 10 bis 12 Wörter lang sein, Nebensätze nicht länger als 5 bis 6 Wörter, einfache Subjekt-Prädikat-Objekt-Konstruktionen. Die Wörter sollten einfach und kurz sein, Verben statt Substantive, keine doppelten Verneinungen oder ironische Wendungen.

Wird Fachchinesisch vermieden und auf überflüssige englische Ausdrücke verzichtet?

Fachbegriffe sind, wie der Begriff schon sagt, für Fachleute. Unsere Texte richten sich in der Regel aber nicht nur an Fachleute – also: die Fachbegriffe entweder weglassen und durch verständlichere Begriffe ersetzen. Oder die Begriffe umschreiben oder in Folgesätzen erläutern.
Zu viele englische Begriffe führen zu einem „Denglish“, das ebenfalls eher schwer verständlich wird. Lieber den gewöhnlichen Begriff verwenden.

Verzichtet der Text auf Modalverben?

Okay, was sind Modalverben? dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen sind Modalverben. In Gebrauchstexten sind sie in vielen Fällen aber eher störend – rund zwei Drittel aller Modalverben sind unnötig. Am besten, ihr verzichtet grundsätzlich auf sie und verwendet sie ganz bewusst. Sie halten Aussagen im Ungefähren und machen Texte zwar höflicher, aber meist nur länger.
„Das Wetter soll morgen schlechter werden“ ist nur wenig präziser als „Morgen wird das Wetter schlecht“. Oder: „Ich kann Ihnen helfen“ nur wenig höflicher als „Ich helfe Ihnen“. „Sollten Sie Fragen haben, können Sie sich an mich wenden“ – gleich zwei überflüssige Modalverben: „Ich beantworte Ihre Fragen“ ist aktiver, zupackender, klarer, verbindlicher und – kürzer. Also: Weniger Modalverben, bessere Texte!

Vermeidet der Text negative Assoziationen?

Ein PR-Text soll positiv stimmen: Er macht Lust auf ein Produkt oder zeichnet ein positives Bild von einer Organisation. Negative Untertöne verwässern die Botschaft – doch hin und wieder rutschen negative Begriffe durch, die negative Assoziationen wecken: Wörter wie kein oder nicht, doppelte Verneinungen oder Begriffe, die mit „un-“ beginnen. Verzichtet auf diese Wendungen und ihr formuliert Euren Text ganz automatisch positiv.

Steht das Verb möglichst weit vorne, gibt es (nur) ein bis zwei Substantive pro Satz?

Verständliche Texte kommen schnell zum Punkt. Und das heißt grammatikalisch meist: zum Verb. Je weiter vorne im Satz bereits das Verb steht, desto besser. Und je weniger Substantive ein Satz zählt, desto verständlicher ist er. Oft werden Verben zu Substantiven aufgeblasen – alle Hauptworte auf -heit, -keit, -schaft und vor allem -ung sind ursprünglich Verben. Verben machen Texte leicht und leichtfüßig; Substantive machen sie schwer und schwergewichtig.

Zehn relativ einfach umzusetzende Regeln und Methoden zu guten Texten, wie ich finde.


Harald Ille

Digital Enthusiast. Wordpress-Enthusiast. Und PR-Enthusiast. Aus Heidelberg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.