Unsere Sprache ist männlich. Und das ist unlogisch. Vor allem aber ist es himmelschreiend ungerecht, dass in unseren aufgeklärten und emanzipierten Zeiten immer noch das generische Maskulinum kaum widersprochen unsere Sprache durchmachoisiert. Mein Plädoyer für gendergerechte Sprache.

Männer in Pflegeberufen werden zu selbstbewussten „Pflegern“ oder „Pflegekräften“ upgegradet, Frauen hingegen pejorativ zu „Krankenschwestern“ verniedlicht – und weil Niedlichkeit schlechter bezahlt wird und weniger Aufstiegschancen beinhaltet, steckt unbewusst auch eine bekämpfenswerte politische Absicht dahinter. Schon die erste Ministerin im Kabinett Adenauer, Elisabeth Schwarzhaupt, wurde marginalisiert: „In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr!“ – sie wurde einfach nicht wahrgenommen, subsummiert, war „mitgemeint“.

Frauen werden bewusst marginalisiert

Verfechter des generischen Maskulinums berufen sich ja viel zu oft auf dieses „mitgemeint“. Wie, bitteschön, kann eine Frau mitgemeint sein, wenn sie mit „Guten Morgen, meine Herren!“ begrüßt wird? Wenn ausschließlich von „Fahrern“, „Nutzern“, Steuerzahlern“ und „Ärzten“ die Rede ist? Und die jeweils weiblichen Angehörigen dieser Berufs- und Zielgruppen keine sprachliche Entsprechung erleben dürfen?

Weg mit dem generischen Maskulinum!

Nein, das generische Maskulinum ist ein Relikt aus einer anderen Zeit, das sich längst überlebt hat und abgeschafft werden muss. Wer es weiterhin verwendet, ist entweder zu denkfaul oder verfolgt ein patriarchalisches Roll-back. Denn: Es ist weder schwierig noch umständlich noch intellektuell besonders herausfordernd, Männer, Frauen und alle anderen Geschlechter möglichst diskriminierungsfrei anzusprechen.

Im Plural finden sich alle wieder

Mein Schreibtipp #14.

Die einfachste Möglichkeit, alle Menschen gleichzeitig anzusprechen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem beruflichen und sozialen Status, ihrer ethnischen oder politischen Zugehörigkeit, ihrer Haut- und Haarfarbe und was uns sonst noch an Unterscheidungskriterien einfallen mag – ist genau dieser Plural: „alle“. Statt dem männlichen und damit sehr einschränkenden jeder, der versuche ich mir, den Plural anzugewöhnen: alle, die. Also, statt: „Jeder, der morgens ins Büro muss“ versuche ich, „Alle, die arbeiten gehen müssen“ zu sagen. Das ist ein bisschen Umgewöhnung, klappt aber mit jedem einzelnen Mal ein klein wenig besser, bis es sich automatisiert.

Übergreifende Formulierung finden

Oder ich versuche, eine geschlechtsneutrale übergreifende Formulierung zu finden – und auch das ist mit ein bisschen Übung und Gewöhnung relativ einfach und hört sich nach ein paar Mal auch nicht mehr „fremd“ an: Ich bin, wenn ich an der Hochschule unterrichte, einfach eine Lehrkraft, die Studierende unterrichtet. Ich habe im Wohnzimmer Gäste. Die Leitung des Unternehmens, in dem ich arbeite, ist die Direktion, die von Assistenzen unterstützt wird. Ich bin steuerpflichtig und fahre Auto. Einfach, oder? Und alles ohne Binnen-I oder Gender-Star oder andere typografische Verrenkungen. Einfach ganz natürlich aus der deutschen Sprache heraus.

Frauen werden verniedlicht

Mein Schreibtipp #15

Und leider gibt es auch Sexismus in der Sprache: Mädchenname beispielsweise – als ob eine Frau erst durch ihre Heirat zur Frau würde. Oder das schwache Geschlecht – nur weil sich die Weltrekorde beim Gewichtheben zwischen Frauen und Männern um ein paar Kilogramm unterscheiden? Die erwähnte Krankenschwester ist solch ein Sexismus. Aber auch vermeintliche Komplimente wie die charmanten Damen. Alles offene oder versteckte Verniedlichungen, die eines sagen wollen: Frauen seien zwar hübsch anzusehen, aber niemals ernstzunehmen.

Wer sich also gegen gendergerechte Sprache sträubt, hat in Wirklichkeit ein Problem mit der Gleichberechtigung, möchte Frauen nur als schmückende, aber harmlose Begleitung an seiner Seite haben.

Wie können wir also wegkommen vom generischen Maskulinum und der Weltsicht, die es vermittelt und vertieft? Hier ein paar Tipps.

Tipps für gendergerechtes Formulieren

Diese Liste mit 14 Möglichkeiten, sinnvoll zu gendern, zeigt, wie es gehen kann.

  1. Doppelnennung: vollständige Paar-Form („Schülerinnen und Schüler“, „jede und jeder“)
  2. Ersatzformen: geschlechtsneutrale übergreifende Formulierungen/Abstrakte, bei denen weder Frauen noch Männer sprachlich sichtbar sind (Studierende, Lehrkräfte, Direktion, Gäste)
  3. Alle, die(jenigen) + Verb statt männlicher Bezeichnung („alle, die dieses Programm nutzen“)
  4. Adjektiv anstelle eines männlichen oder weiblichen Nomens („ärztlicher Rat“)
  5. Plural statt Singular („Alle, die“ statt „Jeder, der“)
  6. Übereinstimmung bei gleichgeschlechtlichen Gruppen („Lea und Maren sind Apothekerinnen“)
  7. Weibliche Bezeichnungen bei Titeln und Anreden („Frau Bundeskanzlerin“)
  8. Vermeidung von Klischees, Stereotypen und sexistischen Ausdrucksformen („das schwache Geschlecht“, „Mädchenname“)
  9. substantiviertes Adjektiv/Partizip: Studierende, Teilnehmende, Auszubildende, Vorsitzende, Beschäftigte, Anwesende, Berufstätige, Abgeordnete, Sachverständige, Angestellte, Steuerpflichtige etc.
  10. Abstraktum: Bezeichnungen der Funktion, des Amtes oder der Gruppe: Leitung, Vertretung, Geschäftsführung, Team, Kollegium, Publikum, Belegschaft etc.
  11. Einsatz von Adjektiven: kollegiale Unterstützung etc.
  12. Pluralbildung: Gäste, Interessierte etc. → überschneidet sich teilweise mit substantivierten Adjektiven/Partizipien
  13. Begriffe, die Personen unabhängig von ihrem grammatischen Geschlecht im Singular wie im Plural neutral bezeichnen: Führungskraft/Führungskräfte, Mitglied/Mitglieder, Vertrauensperson/Vertrauenspersonen, Lehrkraft/Lehrkräfte etc.
  14. Bildung von Relativsätzen: Personen, die einen Antrag stellen statt: Antragsteller und Antragstellerinnen.

So, und wer mir jetzt nochmal kommt mit: „Frauen sind doch mitgemeint“, dem verkaufe ich ab sofort Tampons und Büstenhalter, schicke ihn zum Frauenarzt und nehme ihm 30 Prozent seines Gehalts weg, hänge ihm als Ausgleich dafür aber einen schreienden Säugling an die Brust. Mann, mann, mann! Zum Mitweinen mitgemeint…

P.S.: Selbstverständlich unterliege ich selbst dieser Denkfaulheit und habe viel zu häufig noch Texte online, die es mit dem „Mitmeinen“ etwas zu gut meinen. Bitte: Wenn Ihr ungerechte Begriffe auf meinen Seiten und Folien findet – und leider wird es eine lange Liste – , schreibt mir bitte eine kurze Mail an harald.ille@googlemail.com. Danke Euch!

Das Wörterbuch von geschicktgendern.de bietet unzählige Begriffe, die Ihr statt des generischen Maskulinums verwenden könnt.


Harald Ille

Digital Enthusiast. Wordpress-Enthusiast. Und PR-Enthusiast. Aus Heidelberg.

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